Ashtavakra Gita

ashtavakra

Geschichtlicher Hintergrund

Diese Gita ist ein tiefgründiges Gespräch zwischen Ashtavakra und König Janak. Über ihre Entstehung ist wenig bekannt. Sie gilt in Fachkreisen als eine Abhandlung über Advaita Vedanta und wurde außerhalb des Mahabharata überliefert. Sein Name bedeutet wörtlich „acht Missbildungen“ und spiegelt die acht körperlichen Missbildungen wider, mit denen Ashtavakra geboren wurde.

 

Sein Großvater mütterlicherseits war der vedische Weise Aruni, seine Eltern waren beide vedische Schüler an Arunis Schule. Ashtavakra war ein Brahmane, der Sohn von Kahoda, dessen Geschichte in der Mahabharata erzählt wird. Kahoda heiratete eine Tochter seines Lehrers, Uddalaka. Er lehrte einen reinen Weg des Jnana Yoga und gilt als legendärer Lehrer von Patanjali. Kahoda wird im Mahabharata aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnt. Ramayana „der Gang Ramas“ ist nach dem Mahabharata das zweite indische Nationalepos und besteht aus 10 Kandas (Bücher).

 

Mahabharata „die große Geschichte der Bharatas“ ist das bekannteste indische Epos, erstmals 400 v. Chr. niedergeschrieben, aber auf älteren Traditionen beruhend. Das Mahabharata ist in achtzehn Parvas (Bücher, Kapitel) unterteilt. Einige wichtige Geschichten und Texte sind Teil des Mahabharata, wie etwa die Bhagavad Gita.

1. Kapitel

    Erster  Gesang: Das Wissen vom Selbst

     

    König Janak fragte:
    Wie kann Erkenntnis entstehen? Wie kann Erlösung sein?
    Wie ist Entsagung möglich? – Davon sprich zu mir, Oh Herr.

     

    Ashtavakra antwortete:
    Wenn du nach Erlösung suchst, dann meide die Sinnesgenüsse wie Gift und trinke Vergebung,
    Offenheit, Güte, Zufriedenheit und Wahrhaftigkeit wie Nektar.

    Du bist weder Erde noch Wasser, Feuer, Wind oder Raum.
    Um Erlösung zu erreichen, erkenne das Selbst als das eine, ewige Bewußtsein, als der Zeuge aller Erscheinungen.

    Befreit von der Identifikation mit dem Körperlichen und im Selbst ruhend,
    wirst du im gleichen Moment glücklich, zufrieden und frei von allen Bindungen sein.

    Dann bist du weder dies noch das, weder alt noch jung.
    Kein Auge wird dich sehen, keine Hand berühren.
    Formlos und ewiger Zeuge von allem, sei selig.
    Tugend und Sünde, Freude und Leid erscheinen dem Denken, aber nicht dir.
    Du bist weder ein Handelnder noch ein Genießer.
    Wahrlich, du bist ewig frei.

     

    Du bist das eine ungebundene Bewußtsein.
    Deine einzige Bindung besteht darin, daß du dich selbst als etwas anderes siehst.

    So hat dich die große dunkle Schlange des Egoismus gebissen und mit der Illusion “Ich bin der Handelnde!” vergiftet.
    Trinke nun vertrauensvoll das Gegengift “Ich bin es nicht, der handelt!” und sei selig.

    Verbrenne das Dickicht der Unwissenheit mit dem Feuer der Erkenntnis
    “Ich bin das eine ewigreine Bewußtsein!” und vom Leiden befreit sei selig.

    Bewußtsein, Seligkeit, Höchste Seligkeit, das bist du, worin dieses ganze Weltall erscheint,
    wie ein Stück Seil als eine gefährliche Schlange.
    Erkenne dies und sei selig.

     

    Es ist wohl wahr, wenn die Leute sagen “Du bist, was du denkst!”.
    Wer sich gebunden sieht, ist wirklich gebunden.
    Wer sich frei erkennt, ist wahrlich frei.

    Du bist das eine Selbst, der ewige Zeuge, alldurchdringend, vollkommen, alleinsam, frei, bewußt, untätig, ungebunden, wunschlos und still.
    Nur durch die Macht der Illusion erscheinst du in der Welt und im Rad der Geburten.

    Gib die Identifikation mit den inneren und äußeren Erscheinungen zusammen mit der Illusion von “Mein und Dein” auf.
    Meditiere über das Selbst als unveränderliches, reines Bewußtsein jenseits aller Gegensätze.

    Lange warst du in der Schlinge der Körperlichkeit gefangen.
    Durchschneide sie jetzt mit dem Schwert der Erkenntnis
    “Ich bin das eine ewige Bewußtsein!” und sei selig.

     

    Du bist ungebunden, nichthandelnd, selbststrahlend und vollkommen rein.
    Nur dein Denken bindet dich.

    Du durchdringst dieses ganze Universum, und all die Welten bestehen in dir.
    In Wahrheit bist du reines Bewußtsein. Öffne dich und sei selig.

     

    Du bist unbedingt, unvergänglich, formlos, transzendent, unergründlich und ewig still. Sei Bewußtsein allein.

    Erkenne die Formen als vergänglich und das Formlose als beständig.
    Durch diese Erkenntnis wird das Rad der Geburten bald vergehen.

    So wie ein Spiegel mit und ohne Spiegelbild besteht,
    so besteht das Höchste Selbst mit und ohne all die Körper und anderen Erscheinungen.

    Wie der universale Raum innerhalb und außerhalb eines Gefäßes besteht,
    so besteht das ewige alldurchdringende Brahman nahtlos in allen Dingen.