
Die Ribhu Gita ist ein klassischer Text des Advaita Vedanta, der als Lehrgespräch zwischen dem Weisen Ribhu und seinem Schüler Nidagha überliefert ist. Sie ist Teil der Shivarahasya Purana und wurde in Indien über Jahrhunderte hinweg mündlich weitergegeben, bevor sie schriftlich erfasst wurde. Kern des Textes und der nichtdualistischen Lehre ist die Erkenntnis des Selbst (Atman) als die wahre, unveränderliche Wirklichkeit.
In Südindien und besonders in der Tradition des Shaiva-Advaita ist die Ribhu Gita seit jeher hoch geschätzt. Im 20. Jahrhundert wurde sie durch Ramana Maharshi und seine Schüler auch im Westen bekannter. Die Schrift ist ein praktischer Wegweiser zur Selbsterkenntnis und Befreiung (Moksha).
Kapitel 26
UNTERSCHIEDSLOSES VERWEILEN IN DER NICHT-DUALEN NATUR
1
Nidagha! In dieser Erläuterung spreche ich zu dir über das Gegründet-Sein im Ungeteilten,
das nichts getrennt von sich hat und erfüllt ist von sich selbst.
Mögest du in der Seligkeit weilen, das Selbst zu sein, wie es dir verkündet wird.
Diese Lehre ist höchst geheim und selten zu erlangen in den Veden und den Schriften.
Sie ist sogar selten zu erlangen für die Götter und Yogis
Und dabei ist sie ihren Herzen lieb und teuer.
2
Dies wurde von denen gesagt, die volles Wissen erlangt haben:
Eins zu sein mit dem vollkommen erfüllten nicht-dualen Brahman, der Fülle von Sat-Chit-Anand, Sein-Bewusstsein-Seligkeit, dem Unwandelbaren, dem Selbst von allen, dem Heiteren, nach dem Aufhören der Vorstellungen (Vikalpas) des unsteten Gemüts
und der gänzlichen und ununterscheidbaren Auflösung des Denkens im Selbst – so wie sich Cumin-Samen in Wasser auflösen –
das ist Verweilen im Selbst.
3
Bei tiefgründiger Untersuchung wird klar,
dass alle Vielfalt von Unterschieden niemals existiert.
Alles ist das ungeteilte höchste Brahman, das nicht verschieden vom Selbst ist.
Und DAS bin ich.
Durch dauernde rechte Praxis in dieser erhabenen Haltung und Aufgeben von allem anderen,
verweilst du in der Seligkeit immerwährenden DAS-Seins.
4
Jenes, in dem alle scheinbaren Verschiedenheiten der Dualität durch deren Erforschung aufgehen, in dem alle Ursachen und Wirkungen –
selbst ihre geringste Spur – aufgehen und in dem keine Spur dualistischer Furcht für die Persönlichkeit, das darin eingetaucht ist, existiert – wenn du jenes Selbst bist, verbleibst du für immer in unwandelbarer Seligkeit.
5
Jenes, in dem weder Sankalpa (Konzept, Idee) ist noch Vikalpa (Vorstellung, Begriff),
in dem weder Friede noch Aufregung ist,
in dem weder Emotion noch Intellekt ist,
in dem nicht Verwirrung oder Überzeugtheit ist, in dem keine Überzeugung und keine Abwesenheit von Überzeugungen ist und in dem es gar keine Wahrnehmung von Dualität gibt – indem du das bist, ohne die geringste dualistische Furcht, verbleibst du für immer in unwandelbarer Seligkeit.
6
Jenes, in dem nichts schlecht oder gut ist,
in dem weder Leid noch Vergnügen ist,
in dem weder Schweigen noch Sprechen ist,
in dem es keine Gegensatzpaare gibt,
in dem es nicht die Auffassung gibt, der Körper wäre ich selbst, und in dem es nicht das Geringste wahrzunehmen gibt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts (Sankalpa), in dem als das Selbst.
7
Jenes, in dem es keine Aktivität des Körpers gibt, in dem es keine Aktivität des Sprechens gibt, in dem es keine Aktivität des Gemüts und keine Aktivität anderer Art gibt, in dem es nichts Sündiges oder Verdienstvolles gibt und in dem es keine Spur von Begehren und seinen Folgen gibt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst
8
Jenes, in dem es niemals eine Vorstellung gibt und In dem niemand ist, der sich etwas vorstellt,
in dem das Universum nicht aufgetaucht ist,
in dem das Universum nicht existiert,
in dem das Universum nicht aufgelöst wird
und in dem nichts zu irgendeiner Zeit existiert –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst
9
Jenes, in dem es keine Erscheinung der Illusion (Maya) und keine Auswirkungen der Täuschung gibt, in dem weder Wissen noch Unwissenheit herrscht,
in dem es weder einen höchsten Gott (Isvara) noch ein Individuum (jiva) gibt,
In dem es weder Wirklichkeit noch Unwirklichkeit gibt und in dem nicht die geringste Erscheinung der Welt vorkommt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst.
10
Jenes, in dem es nicht die mannigfaltigen Götter und keine Anbetung und keinen Dienst für sie gibt,
in dem es keine Unterscheidung wie die Dreiheit der Gestalten (Trimurti – Brahma, Vishnu, Shiva) und keine Meditation über die Dreiheit der Gestalten gibt,
In dem es nicht die Gestalt des höchsten Shiva gibt und in dem nicht über den höchsten Shiva meditiert wird –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst
11
Jenes, in dem es keine Handlungen gibt, die auf Unterscheidung schließen lassen,
In dem es weder Hingabe noch Erkenntnis gibt,
In dem es kein Ergebnis zu erlangen gibt,
In dem es keinen höchsten Zustand gibt,
In dem es keine Mittel des Erlangens gibt weil es nichts zu erlangen gibt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst.
12
Jenes, in dem es keinen Körper und keine Sinnesorgane gibt, in dem es keine Gemütszustände, keinen Intellekt und keine Gedanken gibt, in dem es kein Ego und keine Unwissenheit gibt,
in dem es keine Erfahrenden davon gibt,
in dem es keinen Makrokosmos und keinen Mikrokosmos gibt
Und in dem keine Spur von Samsara gibt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst.
13
Jenes, in dem es kein Verlangen und keinen Ärger gibt,
in dem es keine Begehrlichkeit und keine getäuschte Schwärmerei gibt,
in dem es keine Arroganz und keine neidische Boshaftigkeit gibt,
in dem es auch keine anderen Unreinheiten des Gemüts gibt,
In dem es keine täuschende Vorstellung von Gebundenheit und keine täuschende Vorstellung von Befreiung gibt –
verbleibe für immer in Seligkeit, ohne die Spur eines Konzepts in dem als das Selbst.